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Mitteldeutsche Zeitung vom 01.08.2009

 

Medizin gegen den roten Tod

Das Ensemble „Schaustelle“ zeigt in Halle Szenen aus Boccaccios „Dekameron“.

von Helen Hahmann

 

Ist es möglich, einen Ort der Heiterkeit zu konstruieren, wenn ringsum Elend herrscht? Kann man glücklich sein und im selben Moment verzweifelt? Die Ambivalenz des Daseins spiegelt sich in den heiteren Geschichten von Giovannis Boccaccios „Das Dekameron“ wider. Die Protagonisten dieses meisterhaften Werkes flüchten sich auf einen außerhalb von Florenz gelegenen Hof, um der Pest zu entkommen – eine Erfahrung, die den Autor selbst mit Menschen im Zustand der Hilflosigkeit und Ohnmacht, der tiefen Verstörung konfrontierte.

 

Jeden Tag wählen sie einen König aus ihrer Runde, der das Programm für den Tag bestimmt. Man erzählt sich Geschichten in Hülle und Fülle.

Für die hallesche Inszenierung des „Dekameron“, die vom Ensemble der „Schaustelle“ nun auf der Oberburg am Giebichenstein gezeigt wird, wurden acht der 100 Geschichten herausgepickt. Es entfalten sich innerhalb der Inszenierung deshalb gleich mehrere kleine Stücke: freizügige, erotische Geschichten, die mit Humor garniert und poetisch ausgeschmückt werden – etwa wenn der Abt Benedikt „die süßesten Verzückungen der Liebe genießt“ oder „sich die Wonne der Liebe gönnt“.

 

Das Stück setzt die Geschichten vor einem Ambiente um, wie es reizvoller kaum sein könnte. Zur Premiere wurden dem Publikum von den Mitwirkenden Astrid Kohlhoff, Anna von Schrottenberg, Mario Pinkowski, Juliane Gregori und Thomas Zug eine Fülle an darstellerischen Finessen geboten. Geschmackvoll waren die mittelalterlichen Kostüme gearbeitet: Die langen Gewänder der Frauen in verschiedenen, aufeinander abgestimmten Rottönen, die Pest in Persona wurde in blutroten Overalls und bizarren Masken dargestellt.

 

Autor und Regisseur Simon van Parys präsentierte einen stimmig gestalteten Abend, in dem sich Humor und Nachdenklichkeit die Waage hielten. Zudem wechselt das reine Rollenspiel mit dem „Spiel im Spiel“ und mit Szenen, in welchen die Worte durch Gesten oder Musik ersetzt wurden. So wird die Produktion zur tiefgründigen Auseinandersetzung mit dem Stoff aus der italienischen Renaissance.

 

Der Regisseur hat es zudem verstanden, in der Umsetzung die grotesken Seiten der Grundsituation herauszuarbeiten. Immer wieder flammen Hinweise auf, dass der gefasste Vorsatz – das Schreckliche, was die Exil-Gesellschaft umgibt, zu vergessen und „sich die Zeit mit dem Schönsten zu vertreiben, was das Leben zu bieten hat“ – auf tönernen Füßen steht. Es sind Blicke der Figuren, die über die Mauern des Hofes hinweg Richtung Florenz abschweifen, oder düstere Gedanken, die das spielerische Vergnügen begleiten. Die Leichtigkeit, mit der sich das Stück im Fluss befindet, zieht die Zuschauer dennoch in den Bann. Ein außerordentlich lohnender Theaterabend.

 

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2008

Komm, mein schöner Engel

Sommertheater auf der Oberburg Giebichenstein

 

Unzählige Plakate, Flyer und Aufkleber zieren seit Wochen die Stadt. "Meinst Du, Du gefällst mir?" oder "Nun, wem bist Du in diesem Moment untreu?" ist darauf zu lesen. Hinter dieser ungewöhnlichen Werbekampagne stehen die Schauspieler des Vereins SCHAUSTELLE, die so für ihr diesjähriges Sommertheater "Reigen" von Arthur Schnitzler werben. In zehn rasanten und komischen Szenen ziehen vier Darsteller in zehn Rollen alle Register. Sie flirten, schmollen, bitten und lügen in dem Lustspiel, welches seinen Namen wahrlich verdient hat. So anstößig war es gewesen, daß die Berliner Staatsanwaltschaft es 1904 verboten hatte. Nachdem es bei Theater-aufführungen in Berlin und Wien 1921 zu Ausschreitungen kam, bat Schnitzler seinen Verlag, der die Rechte besaß, keine weiteren Aufführungen zu genehmigen. Erst 1982 durfte es wieder aufgeführt werden. Der Autor selber resümierte: "geschrieben habe ich den ganzen Winter über nichts als eine Szenenreihe, die vollkommen undruckbar ist, literarisch auch nicht viel heißt, aber nach ein paar hundert Jahren ausgegraben, einen Teil unserer Kultur eigentümlich beleuchten würde".